Interview: Thomas Elbel

Interview mit Thomas Elbel

Autor von „Asylon“

[September 2011]
Dieses Interview enthält Spoiler!
Wir freuen uns, dass du dir für unser Interview Zeit genommen hast. Ein großes Dankeschön schon einmal vorab!

Dafür nich.

Würdest du dich kurz vorstellen, damit unsere Leser ein besseres Bild von dir bekommen können?

68er Jahrgang, gebürtiger Marburger, aufgewachsener Hildesheimer, Beamtenkind, großer Bruder, Jurist, langer Lulatsch, Koffeinjunkie, fanatischer Agnostiker, Hantelschwinger, Siamkatzenfan, PunkmetalcrossoverNDHliebhaber, Juraprofessor, begeisterter Kreuzberger, Tagträumer, Tagesschauanbeter, schüchterne Rampensau, Ehemann und Vater

Ist „Asylon“ dein erster Roman?

Hierauf kann ich mit einem klaren Jein antworten. Ein Vorwerk (nicht zu verwechseln mit einem Prequel) lauert noch in der Schublade auf nichtsbösesahnende Opfer. Verleger … schaut nachts lieber öfter mal hinter Euch!

Wodurch kamst du überhaupt zum Schreiben?

Ich war in diesem Haus, das sich Schule nannte. Dort gab es so eine Art Selbsthilfegruppe an der alle Bewohner teilnehmen mussten … Deutsch oder so ähnlich, hieß sie. Nein, Spaß beiseite, Ernst in die Westentasche. Juristen sind ja von Natur aus schreibfreudiger als es für die Öffentlichkeit gesund ist. Vor etwa zehn Jahren schlidderte ich aus nicht völlig geklärten Gründen mir nichts dir nichts über die bekannt schmale Grenze zwischen Fachtext und Belletristik. Seitdem versuche ich verzweifelt, den Weg zurück zu finden, bisher ohne Erfolg.

Welche Bücher bevorzugst du privat?

Solche die man gerade noch einhändig heben kann. Vorzugsweise spannungsgeladen mit gerade so viel Gehalt, dass ein Provinzei wie ich ihn zur Kenntnis nehmen kann, ohne Schuldgefühle wegen meines Lebenswandels zu bekommen. Jüngst hat mir der erste Band der Lamplighter-Trilogie von D.M. Cornish Freude bereitet, auch wenn sich mir das Gefühl aufdrängt, der Autor hat das Potenzial der eigenen Personage noch nicht komplett ausgereizt.

Wie würde für dich der Inhalt klingen, wenn du „Asylon“ in einem Satz beschreiben müsstest?

Warum sollte jemand sein Leben riskieren, um aus dem letzten, lebenswerten Ort der Erde zu fliehen?

Asylon“ beschäftigt sich vor allem mit dem Thema Dystopie, also einer negativen Entwicklung der Menschheit. Was hältst du von diesem Genre?

Dystopien sind der literarische Reflex auf die naive Fortschrittsgläubigkeit der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Eine Dramatisierung des Zweifels an der Unfehlbarkeit kollektiver, menschlicher Vernunft oder der Hand Gottes. Das einundzwanzigste ist das Jahrhundert in dem wir erleben, wie die großen Dystopien des zwanzigsten Realität werden. Ein prophetisches Genre. Kein anderes ist so nahe am Zeitgeschehen.

Weshalb könnte deiner Meinung nach das Thema Dystopie mehr denn je im Trend liegen?

Die Dystopie ist fähig zum Crossover mit jedem anderen gängigen Genre, ob Krimi, ob Fantasy, ob SF. Die Tribute von Panem haben die Dystopie von einem Nischengenre zur Massentauglichkeit geführt, wie ein gewisser Junge mit Narbe auf der Stirn den Zaubererjugendroman. Aber anders als Harry Potter hat die Dystopie viele fähige Autoren mit Myriaden, grandioser Ideen.

Glaubst du an solch eine Art Zukunftsperspektive in der „Asylon“ spielt?

Ich halte sie für denkbar. Privat geführte Knäste gibt es in den USA längst. Ansätze zu einer bedenkenlosen Privatisierung sind auch hierzulande einer der Auswüchse des überbordenden Pseudoneoliberalismus. Ich warte noch darauf, dass ein Land auf die Idee kommt, seine Regierung outzusourcen. Upps, kann ich mir diese Idee bitte schützen lassen?

Wie kam dir die Idee zu einem Gefängnis der Zukunft?

Ausgehend von einem Bericht der hessischen Landesregierung zu Forschungsarbeiten über die Möglichkeit der Privatisierung von Justizvollzugsanstalten habe ich mich gefragt, wie man das größte Problem eines jeden Gefängnisses lösen kann: die Fluchtwilligkeit seiner Insassen. Die Antwort war recht einfach: Ich muss die Gefangenen dazu bringen, ihr Gefängnis für ein Paradies zu halten.

Wie lange hast du ungefähr für dieses Projekt gebraucht?

Nach der Planungsphase hat das reine Schreiben etwa fünf Monate bei einem Seitenausstoß von ca. fünf Normseiten werktäglich gedauert.

Hast du in dieser Zeit einen Charakter besonders gemocht?

Meine weibliche Heldin Saïna. Sie ist klein, niedlich, warmherzig und knallhart zugleich.

Woher hast du deine Inspirationen für die ganzen spannenden Handlungen in „Asylon“ hergeholt?

Aus den Abyssalen meines Neocortex. ;-)

Könntest du uns erklären, was es mit dem Begriff „Asylon“ genau auf sich hat?

Ist altgriechisch für „letzte Zuflucht“.

Was ist deine absolute Lieblingsstelle in dem Roman?

Als Rygor und Edward, meine beiden Bösewichte, im Dunkeln aneinandergeraten. Da sprühen die Funken.

Könntest du dir vorstellen, dass es in Deutschland, in ferner Zukunft auch zu solch einem Gefängnis wie „Asylon“ eines ist, kommen könnte?

Wie gesagt: Offensichtlich wurde schon drüber nachgedacht. Bis jetzt sind die Juristen zu dem Schluss gekommen, das sei nicht verfassungsgemäß. Aber wurde vor einigen Jahren nicht auch wieder über die Salonfähigkeit von Folter debattiert?!

Hättest du die Wahl, würdest du lieber zu den Ahnungslosen gehören und dein Dasein fristen oder würdest du wie Torn Gaser mutig genug sein und es über die Grenzen der Stadt wagen?

Natürlich völlig ahnungslos. Schließlich weiß ich, was ich meinem Beruf als deutscher Beamter schuldig bin.

Was hältst du davon, die Identität von Verbrechern auszulöschen und ihnen eine neue zugeben? Ist es deiner Meinung nach überhaupt noch menschlich? Vertretbar?

Das verstößt sicherlich gegen unsere fundamentalsten Verfassungsgrundsätze und ist unter gar keinen Umständen vertretbar. Aber Manipulation des menschlichen Geistes ist keine reine Fantasy. Denkt z.B. an die Umerziehungslager der roten Khmer oder die Scientologen.

Hast du schon ein neues Projekt in Aussicht?

Ja. Piper hat definitiv nach einer neuen Idee gefragt.

Falls ja, verrätst du uns eine Kleinigkeit?

Es wird wieder Fantasy. Es wird wieder Dystopie. Der Arbeitstitel, der in meinem Kopf hin- und hersummt ist „Teer“. Teer ist eine mächtige Droge. Man gewinnt sie aus Getöteten. Meine Heldin ist Teerdealerin. Mehr gibt’s jetzt nicht. ;-)

Hast du noch etwas auf dem Herzen, dass du unseren Lesern gerne mitteilen willst?

Thank you for reading.

Vielen Dank für das aufschlussreiche Interview. Das gesamte BücherfresserTeam wünscht dir weiterhin ganz viel Erfolg und Spaß beim Schreiben!

Ich habe zu danken.


  • Info:

Thomas Elbel
Webseite
Facebook
Bisherige Werke
Asylon

Post a Comment

Your email is never shared. Required fields are marked *

*
*


5 + = zehn